| Drei Kletterer aus drei
Generationen im Gespräch
chk. Wie äussern sich drei bedeutende Bergsteiger aus drei Generationen über ihr Tun? Am Gespräch bei viel Kaffee und noch mehr Kuchen beteiligt waren:
Ueli Steck, herausragender junger Schweizer Alpinist,
Jürg von Känel, Freikletterpionier und Führerautor mit Vorbildfunktion, sowie
Kurt Grüter, der vor einem Vierteljahrhundert grosse Routen eröffnete.
Kurt, Jürg und Ueli, was bedeutet der Begriff Risiko für extreme Kletterer?
Kurt Grüter: Eigentlich waren wir Illusionisten und Abenteurer. Das Risiko war unser Spannungsfeld, das unglaubliche Kräfte freisetzte. Wir wussten, dass wir es eher im Griff hatten, wenn wir wirklich mit Haut und Haar von unserem Tun angefressen waren. Und das waren wir
Das Risiko beflügelte uns.
Ueli Steck: Du bist dir des Risikos während des extremen Kletterns nie ganz bewusst, hoffst, dass alles gut geht, und wenn es heikel wird dann ist Improvisation gefragt.
Kurt Grüter: Genau. In solchen Momenten dachten wir an gewaltige Vorbilder wie Bonatti. Sie gaben einem Kraft.
Jürg von Känel: Angst hast du sicher. Aber du denkst: Jetzt kann ich es nicht ändern, bleib locker. Erst im Nachhinein denkst du: Warum machst du das immer wieder? Die Angst musst du versorgen
Die Gefahr ist sowieso immer präsent, auch im Alltag. Ich will meine Ziele erreichen, und dazu sind richtige Strategien wichtig: Im alpinen Gelände heisst das zum Beispiel, dass man das Risiko durch Schnelligkeit minimiert.
Kurt Grüter: Letztlich ist die Frage nach dem Risiko und seiner Wahrnehmung eine philosophische Frage. Wir hätten uns nach dem Sinn des Lebens fragen müssen, aber das ging zu weit. Wir lasen Maduschka und kamen zum Schluss: lieber kürzer, aber intensiv. Natürlich war das reiner Selbstschutz, der im Gespräch mit sogenannt "vernünftigen" Leuten nicht bestehen konnte.
Warum seid Ihr überhaupt extreme Kletterer geworden?
Jürg von Känel: Wir wurden durch unsere Vorfahren, durch bestimmte Konstellationen Bergsteiger. Was wir machten oder machen, ist gar nicht wichtig, wichtiger ist das "Wie": Wir sind wohl charakterlich alle drei Extreme. Wenn man aber an der Spitze ist wie jetzt Ueli, dann bist du dir dessen noch gar nicht bewusst. Ueli überlegt sich beim Schlafengehen nicht, wie extrem er ist
Erst später, im Rückblick, erkennt man, wie sehr einen das Klettern reingezogen hatte.
Kurt Grüter: Wir sind alle ein bisschen Romantiker. Der Gedanke an etwas "Unmögliches" ergriff mich, regte mich an, ich wollte besser sein als andere, in gewissem Sinn hatte ich ein elitäres Denken.
Ueli Steck: Heute ist das Bergsteigen komplexer, wenn man an der Spitze sein will, muss man mehrere Disziplinen auf höchstem Niveau beherrschen. Aber ich denke, wir erleben das Gleiche wie Jürg und Kurt früher wir sind von der Faszination des Unmöglichen in den Bann gezogen.
Und was heisst das Bergsteigen auf kommerzieller Ebene für Euch?
Ueli Steck: Auf meiner Visitenkarte steht "Alpinist". Aber ich muss neben dem Bergsteigen arbeiten, dank meines Sponsors New Rock (Importeur von Scarpa, Grivel, Mountain Hardwear und weiteren Marken) zwar nicht mehr zu 100 Prozent, aber dennoch es ist ein hartes Business. In der Schweiz können nur Wenige vom Bergsteigen leben, in Frankreich oder Italien wäre dies einfacher.
Jürg von Känel: Ich wurde von Mammut und Edelrid mit Material unterstützt, hatte aber keine Sponsoren. Noch heute ist es so: Das Klettern ist kein Volkssport, es hat immer noch Aussenseiterstatus. Und früher hätte man davon nicht leben können.
Ueli Steck: Mein Bruder spielt Eishockey in der Nationalliga A und verdient gut. Dort geht es um grössere Beträge und das Risiko ist wesentlich kleiner bei ungefähr gleichem Trainingsaufwand!
Kurt Grüter: Am Anfang meiner "Kletterkarriere" arbeitete ich noch sechs Tage erst am Samstagmittag brachen wir jeweils mit unseren Fahrrädern auf. Am Ausgangspunkt zu unseren Touren liefen wir dann meistens schon auf dem Zahnfleisch! Das Profitum war kein Thema. Es gab Bergführer, aber die waren weit entfernt von uns Extremen.
Ueli Steck: Das Geld, das ich erhalte, bringt Druck. Damit musst du umgehen können. Schliesslich gehen die Sponsoren auch Risiken ein; wenn du keine Gegenleistung bringst, wird ein Vertrag aufgelöst. Es ist dennoch gut so wenn ich voll arbeiten müsste, könnte ich mein jetziges Niveau nie halten. Deshalb sind Sponsorengelder eine riesige Chance.
Was brachte Euch das Bergsteigen für das Leben?
Kurt Grüter:
einen Erinnerungsschatz, ein Kapital fürs Leben! Ich denke, ich bin dank des Bergsteigens zufriedener und muss im Alter nicht mehr hyperaktiv sein.
Jürg von Känel: Ich bin irgendwann in das Klettern gerutscht, und noch heute hängt meine ganze Welt davon ab ich könnte nicht mehr in meinen ursprünglichen Beruf zurück, alles, was ich tue, hat mit Klettern zu tun. Das Klettern hat mir Selbstbestätigung gebracht, Freundschaften. Ich konnte meinen Horizont erweitern dank der Begegnung mit Menschen, konnte ein breites Spektrum von Erfahrungen machen. Und die Kameradschaft beim Bergsteigen geniessen.
Aber ist denn unter Extremen die Konkurrenz nicht of auch ein Problem?
Ueli Steck: Doch, sicher. Es ist schwierig, dass sich die besten Kletterer zu einer ebenbürtigen Seilschaft zusammenfinden. Meistens bestehen Seilschaften aus einem Spitzenkletterer und einem hervorragenden Zweiten. Und wir dürfen keine extremen Projekte im Vorfeld preisgeben. Ich habe viele Träume im Kopf, aber ich erzähle sie niemandem
Sehr wichtig ist auch, dass über Neutouren richtig berichtet wird, dass die Rolle des Einzelnen bei einer Erstbegehung klar dargestellt wird.
Jürg von Känel: Profi-Bergsteiger haben hierzulande einen schweren Stand, und es wäre gut, wenn sie persönliche Manager hätten. Aber so lange das Medieninteresse nicht da ist, findet man auch keine Manager. Extremes Bergsteigen ist eine Risikosportart, das gefällt dem Publikum, aber das Medieninteresse leidet darunter.
Kurt Grüter: Unsere Taten erschienen unter "Unglücksfälle und Verbrechen"
Das mangelnde Renommee des Bergsteigens ist ein typisch schweizerisches Problem im benachbarten Ausland werden Profis anders wahrgenommen.
Ueli, wie siehst du deine persönliche Zukunft?
Ueli Steck: Sicher überlege ich mir, wie weiter. Zur Zeit lebe ich von der Hand in den Mund. Nun, Bergsteigen ist eine Leidenschaft! Ich müsste einen Sponsoren ausserhalb des Bergsteigens finden, in der Branche selbst ist das Geld nicht da.
Jürg von Känel: So lange beim Bergsteigen Menschen verunglücken, so lange ist es etikettiert und du bist kein attraktives Aushängeschild. Man müsste das Image des Bergsteigens neu definieren; schon eine regelmässige wöchentliche Sendung im Fernsehen könnte die Massstäbe zurechtrücken.
Ueli Steck: Zur Zeit ist das Klettern mein Lebensinhalt. Wenn ich nicht klettern kann, habe ich Entzugserscheinungen. So ist mir auch eine Beziehung im Moment nicht wichtig. Ich fühle mich aber deswegen nicht einsam.
Jürg von Känel: Ich möchte meinen Horizont und meinen Bekanntenkreis erweitern. Wenn ich am Abend mit Kletterern ein Bier trinke, reden sie nur über Schwierigkeitsgrade!
Was bleibt von den Spitzenleistungen?
Jürg von Känel: Die Marksteine bleiben; ich bin stolz auf gewisse Routen, die mir in jener Zeit eine Bestätigung gaben.
Ueli Steck: Ja, die Faszination des Neuen, das Ziel, etwas zu erreichen, was unmöglich erscheint, motiviert und gibt die Selbstbestätigung, die jeder braucht.
Kurt Grüter: Zuerst ist die Idee da, die Begeisterung, und erst im Rückblick kommt die Erkenntnis über die Intensität des Erlebten.
Und welche Bedeutung hat die Natur dabei?
Ueli Steck: Wir sind ein Teil der Natur. Bei unserem letzten Projekt (Jannu-Nordwand) mussten wir uns ihr unterordnen. Doch in der Extremsituation bist du zu sehr abgelenkt und realisierst ihre Schönheit unter Umständen erst auf dem Gipfel
Jürg von Känel:
ja, wir degradieren die Natur manchmal etwas zum Turngerät.
Kurt Grüter: Teil der Faszination unserer Touren waren die unvergesslichen Situationen, die man draussen erlebte, Biwaks etwa mit ihren sehr skurrilen Seiten.
Ist die Spitze im Vergleich zu früher noch extremer geworden?
Jürg von Känel: Leute wie Ueli Steck haben es heute nicht leicht, etwas zu finden, was noch in 20 Jahren wahrgenommen wird. Für das Publikum ist es schwierig, das Tun der Spitze nachzuvollziehen was heisst Mixed, Dry Tooling, was bedeuten die Schwierigkeiten?
Ueli Steck: Wir haben Träume wie die früheren Bergsteiger sie auch hatten die Ausrüstung ist einfach sehr viel besser geworden. Eine Steigerung ist immer noch möglich: das Übertragen extremster Schwierigkeiten an die Achttausender. Wo die Grenzen liegen, weiss man nie.
Kurt Grüter: Heute sind an der Spitze eher Spezialisten, wir waren Generalisten.
Jürg von Känel: Als ich anfing, wurde ich aus der Jugendorganisation des Schweizer Alpen-Clubs rausgeschmissen mit der Begründung, ich sei zu extrem und verführe andere zum extremen Bergsteigen! Zudem zog ich damals ganz nach meinem Vorbild Bonatti einen Helm an. Darauf klärte mich ein Älterer auf: "Du bist noch nicht im Stadium, in dem du einen Helm anziehen darfst
das dürfen nur die ganz Extremen!" Später gründete ich eine eigene Gruppe, in der ich Junge förderte, eine Art extremen Kinderklettergarten
Kurt Grüter: Das Mass der Begeisterung ist gleich wie früher, wenn ich den Jüngeren zuhöre. Wir haben wohl die gleichen psychischen Voraussetzungen. Die Geschichte zeigt: Der Mensch kann Fantastisches erreichen, und es waren die "Spinner", welche Schritte nach vorne machten. Wir wollten unsere Limiten ausloten gleich wie die Jungen heute.
Seid Ihr glücklich?
Kurt Grüter: Ich bin unglaublich glücklich! Ich habe auch grosses Glück mit meiner Frau, mit der ich noch nach über 40 Jahren eine enge Verbindung pflege.
Jürg von Känel: Glücklich? Ich habe keinen Grund, nicht glücklich zu sein
Jeder muss sein Glück selber definieren. Ich hatte alle Freiheiten, und dazu trug auch meine Frau bei. Sie musste neben mir selbstständig sein.
Ueli Steck: Ja, ich bin glücklich aber nicht ganz zufrieden! Nicht ganz zufrieden, weil mir die Verwirklichung eines Traums die Durchsteigung der Jannu-Nordwand nicht gelungen ist. Aber ich bin glücklich, heil zu Hause zu sein und hier die Dinge zu tun, die ich liebe.
Ueli Steck
Jahrgang 1976, gelernter Beruf Zimmermann, heute Sportartikelverkäufer und Alpinist, wohnhaft in Gsteigwiler (BE). Stecks Palmarès umfasst Eis- und Mixed-Touren in höchsten Schwierigkeitsgraden, Big Walls bis A3+, klassische Wände, diverse Erstbegehungen, z. B. am Siebentausender Pumori (Westwand, 1400 m, M4, 80°, mit Ueli Bühler), am Mount Dickey in Alaska und in der Eiger-Nordwand (The Young Spider, 1800 m, 7a/A2, W16/M7, mit Stephan Siegrist). Eben ist Ueli Steck aus dem Himalaya zurück, wo er mit Erhard Loretan die extrem schwierige Nordwand des Jannu (7710 m) anpackte die zwei Spitzenalpinisten wurden von den gefährlichen Verhältnissen zurückgewiesen. Kein Grund für Ueli Steck, nicht schon seine nächste Tour zu planen
www.mountain-dreams.ch
Jürg von Känel
Jahrgang 1951, gelernter Beruf Mechaniker, Bergführer, Führerautor und Alpinist, wohnhaft in Reichenbach (BE). Jürg von Känel gilt als einer der "Väter des Freikletterns" hierzulande: Er brachte die Freikletterwelle Ende Siebziger Jahre von Amerika in die Schweiz und setzte sie in neuen Routen um. Mit dem Dach Haslizontal (8a) und später Mission Miranda (8b+ / 8c, 1990) setzte Jürg von Känel Marksteine. Mission Miranda wurde bis heute nur von einer Handvoll Kletterer wiederholt; nach ihrer Erstbegehung begann von Känel mit dem Verfassen von Kletterführern (bis heute ca. 20), prägte den Plaisir-Gedanken (das Klettern in gut abgesicherten Routen in mittleren Schwierigkeiten) und setzte erstmals 1992 sein legendäres "Reichenbach, an einem furchtbar kalten Wintertag" unter ein Vorwort. www.filidor.ch
Kurt Grüter
Jahrgang 1937, gelernter Beruf Mechaniker, später Pharma-Kaufmann, heute pensioniert und begeisterter Drachenflieger, wohnhaft in Obfelden (ZH). Kurt Grüter eröffnete ab 1952 26 Erstbegehungen vorwiegend im Fels, mit einer Ausnahme (Grosshorn-Westgipfel, Direkte Nordwand). Bekannt wurden vor allem seine Neutouren am Salbit-Zwillingsturm ("Villiger-Pfeiler"), am IV. Salbit-Turm (Direttissima), in der Stäfelstock-Nordwand, der Wiss-Stöckli-Ostwand und als beeindruckendste und schwierigste Kletterei in der Schlossberg-Westwand (VI+ / A3, 1971). Grüter ist Mitglied der BGA (Bergsteigergruppe Alpina), bekannt für ihre Extremtouren, ihr Rettungswesen und
ihre rauschenden Feste.
Zurück
HOME
|
|