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Sanieren und Eröffnen von Plaisirrouten
Gedanken und Tipps rund um den Bohrhaken
Viele Kletterinnen und Kletterer machen sich Gedanken zum Sanieren und Eröffnen von Kletterrouten. Einige möchten wissen, ob sie einfach so an einem bis anhin unbekletterten Felsen Bohren dürfen, andere kennen eine alte, beinahe in Vergessenheit geratenen Tour, die mit ein paar neuen Bohrhaken vielleicht das Zeugs zum modernen Klassiker hätte und nochmals andere machen sich Sorgen, dass zu gut abgesicherte Kletterrouten das Bergsteigen zum Massensport degradieren könnte und das Abenteuer verloren ginge. Tatsache ist, dass leichte und "super" abgesicherten Routen immer noch in der Minderheit zu den Abenteuerrouten in unserer Alpenregion stehen.
Beispiel: Von den bekannten Engelhörnern im Rosenlauital (Meiringen) gibt es einen Gebietsführer in welchem 761 Anstiege beschrieben werden. Von diesen 761 Anstiege werden höchstens noch 10% regelmässig begangen und wiederum von diesen 10% sind etwa zwei Drittel schwierige Klettereien (über 6a). So konzentrieren sich die leichten Routen im dritten bis fünften Grad noch auf wenige 3 -6 Touren. Wenn wir jetzt noch wissen wollen welche der leichten Routen nach Plaisir-Standart abgesichert sind, dann gibt es keine einzige Klettertour in den Engelhörnern. Solche Beispiele lassen sich auf viele Kletterregionen der Schweiz übertragen.
Dass ein Bedürftnis nach gut abgesicherten, gemässigteren Routen besteht, haben die letzten 10 Jahren auf eindrückliche Weise bewiesen.
Auch wir Kletterer müssen wissen, dass wir unser Hobby nicht mehr überall bedenkenlos ausüben dürfen.
Als Autor der Plaisir Kletterführer habe ich zu einem neuen Absicherungsstandard in den unteren Schwierigkeitsgraden beigetragen und damit immer wieder eine Ethikdiskussion provoziert. Auf meinen Erkundungstouren bin ich oft auf vorbildliche aber leider auch auf, gelinde gesagt, eigensinnig eingerichtete Routen gestossen. Mit den folgenden Zeilen möchte ich keine Regeln aufstellen, vielmehr meine Gedanken und Erfahrungen zum Thema Bohren weitergeben.
Wo darf man bohren?
Ausserhalb von ausgewiesenen Schutzzonen (Nationalpark, Jagdbannbezirke, Naturschutzgebiete etc.) oder privaten Grundstücken darf überall in den Alpen geklettert und damit auch gebohrt werden.
Aber: Aus Respekt vor der Natur aber auch gegenüber Anwohnern sollten wir aber trotzdem nicht gedankenlos die Bohrmaschine ansetzen. Es schadet nicht, wenn man vorher folgende Fragen beantwortet:
- Nisten in der von mir ausgesuchten Wand Vögel? Wenn ja, erkundigt man sich beim örtlichen Wildhüter in welcher Zeit die Tiere brüten, ob es eine Periode gibt, in der man die Vögel nicht stört und dann dort klettern darf.
- Führt der Zustieg durch ein Naturschutzgebiet? Würde ein Pfad Tiere stören oder die Vegetation nachhaltig schädigen? Können auf einem Umweg diese Problemzonen vermieden werden (diesen dann klar kennzeichnen)?
- Wachsen in der projektierten Kletterroute seltene (geschützte) Pflanzen.
Bestehen Unklarheiten zu diesen Fragen, hilft dir wie gesagt der Wildhüter oder der Naturschutzbeauftragte des SAC (Tel. 031 370 18 18 oder natur@sac-cas.ch ) gerne weiter.
Leider gibt es an den helvetischen Felswänden nicht mehr unbeschränkt Platz für neue Kletterrouten. Wer einen noch unverbohrten Felsen findet, überlegt sich darum gut, gründlich und zwei mal, ob diese Neutour tatsächlich eine Bereicherung für den Klettersport darstellt.
- Wird die Route objektiv sicher sein oder droht Steinschlag (oder Schneerutsche im Frühjahr)?
- Riskiert man beim Zustieg schon das Leben oder muss für zehn Klettermeter die Ausrüstung ewig lange den Berg hochgetragen werden?
- Ist der Fels felsenfest, staubig, verflechtet oder gar bröcklig?
- Wird die Kletterei homogen sein (Eine Viererroute mit einer 6b Einzelstelle will niemand)?
- Für wen ist die Route gedacht? Sollte die neue Route für Kinder geeignet sein, gehört abgesehen von einer «super» Absicherung (siehe unten) auch ein gefahrloser nicht zu langer Zustieg dazu und am Wandfuss sollte man sich einigermassen gemütlich ausbreiten können.
Mit anderen Worten: wurde früher der oder die ErstbegeherIn noch als HeldIn gefeiert, sind sie heute eher Dienstleister und tragen Mitverantwortung für die Sicherheit und zum Schutz der Natur. Alle klettern zwar (zum Glück noch) auf eigenes Risiko. Aber wer möchte schon, dass in seiner/ihrer Plaisirroute sich jemand ernsthaft verletzt oder man als Naturfrevler beschimpft wird?
Das Sanieren alter Routen
Wer dachte nach dem Klettern einer alten Route nicht auch schon, wie gut es wäre, wenn man diese Tour sanieren würde? Bevor man jedoch die Standplätze von alten, vergammelten Schlingen säubert, die rostigen Stand- und Zwischensicherungshaken durch neue (Bohr-)Haken ersetzt, gibt es auch hier einige Fragen zu klären:
Es ist Sache der heutigen, aktiven Klettergeneration, im Einklang mit den örtlichen Vereinen (Bergführer und/oder SAC) und Traditionen, zu entscheiden, ob eine alte Route saniert werden soll oder nicht. Nach Möglichkeit sollte auch mit den ErstbegeherInnen (vor allem bei klassischen Routen) Rücksprache genommen werden. Meistens sind diese auch einverstanden, falls nicht, muss man sie davon überzeugen.
Beim Sanieren wird oft der Fehler gemacht, dass man sich zu stark an der alten Routenführung und deren Standplätzen festhält. Oft kann durch eine leichte Begradigung oder durch Versetzen der Standplätze schon einiges verbessert werden. Dass man sämtliches alte Material entfernt, also nicht die alten Haken neben den neuen Bohrhaken stehen lässt, ist für mich selbstverständlich.
Wie richte ich eine Plaisirroute ein?
Einrichten braucht viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen in die potentiellen WiederholerInnen. Als Schulung sollte man beim Klettern bestehender Routen analysieren, wie denn diese gebohrt wurden. Hätte ich das auch so gemacht oder ganz anders und wieso? Erfüllt die Route die folgenden Tipps?
Oft weisen uns die Bohrhaken beim Klettern den Weg. Deshalb sollte man sie so platzieren, dass man den nächsten immer gut sieht. Zudem dürfen beim Einhängen keine gefährlichen Situationen entstehen. Eine Zwischensicherung setzt man darum vor der schwierigen Stelle. Jeder Haken sollte auch für kleine Personen erreichbar sein.
Der erste Bohrhaken nach dem Stand ist der wichtigste (Sturzfaktor). Man muss ihn möglichst bald und problemlos einhängen können. Danach werden die Bohrhaken regelmässig den Kletterstellen und der Art der Kletterei angepasst, gesetzt. Gefährliche Stürze sollten ausgeschlossen sein (Achtung: bei Hakenabständen von 5 Metern sind wegen der Seildehnung bereits Stürze von über 15 Metern möglich!). Damit kein ärgerlicher Seilzug entsteht, setzt man die Haken möglichst in einer Linie und keinesfalls im wilden Zickzack.
Ein Standplatz zeichnet sich durch mindestens zwei Bohrhaken aus. Vorteilhaft sind hier Plättli mit grosser Öffnung die Platz bieten für möglichst viele Karabiner. Der Stand wird, wenn möglich, dort gebohrt, wo man einigermassen bequem stehen oder hängen kann. Kürzere Seillängen haben den Vorteil, dass weniger Seilzug entsteht und die gegenseitige Kommunikation und Unterstützung (Sichern) leichter fällt. 50-Meter-Seillängen sind nur zum Abseilen erwünscht. Daher bereits im Aufstieg an die Abseilmöglichkeiten denken. Denn oft kann über zwei kurze Seillängen in einem Mal abgeseilt werden.
Auf gar keinen Fall dürfen Seillängen mehr als fünfzig Meter betragen!
Die neue Route sollte eine bestehende nur dann kreuzen, wenn die andere unlogisch ist oder wenn diese fast nicht mehr beklettert wird. Bei Kreuzungen ist es besonders wichtig, dass der weitere Routenverlauf klar und unmissverständlich ersichtlich ist und nicht die Gefahr besteht, dass man sich in eine schwierigere und schlechter abgesicherte Route versteigt. Das Markieren mit Farbe oder Spray ist unästhetisch und sollte vermieden werden. Möchte man einen Routenverlauf verdeutlichen, so kann man im Zweifelsfall vorher (zu Hause) nur die Plättli einfärben. Routeneinstiege unauffällig mit dem Routennamen anzuschreiben gibt zusätzliche Sicherheit, dass man die richtige Route gefunden hat.
Was bedeutet Absicherung «super»?
Man kann den Hakenabstand (logisch) nicht genau definieren, da jede Route, jede Seillänge und jede Kletterstelle andere Voraussetzungen mit sich bringt. Ein Beispiel: In den modernen, sehr schwierigen Sportkletterrouten (7c bis 8b) stecken durchschnittlich 10-15 Bohrhaken auf 30 Meter. Wie sieht es bei Plaisirrouten aus? Eigentlich sollte hier die Hakendichte etwa ähnlich sein, PlaisirkletterInnen möchten ja nicht gefährlicher leben als die Extremen (in den Kletterhallen sind die leichten Routen auch nicht weniger abgesichert als die Schwierigen). Bei plattigen Reibungsklettereien sind 10-15 Bohrhaken auf 30 Meter eindeutig zuviel, hier gibts auch keine Stürze sondern vielmehr "Rutscher". Ich bewerte eine Route mit «super», wenn man darin gefahrlos (wie bei schwierigen Routen üblich) bis an die Leistungsgrenze vorsteigen kann.
Die Wahl des Hakenmaterials
In saurem Gestein, wie Granit oder Gneis, müssen unbedingt rostfreie Anker (HILTI HSA-R 10 x 68/5 mm) und Plättli verwendet werden. Auch im Kalk ist dieses Inox-Material besser, obschon hier die Lebensdauer verzinkter Anker wesentlich höher ist als im Granit (7-10 Jahre bei Durchmesser 10mm und etwa 15-20 Jahre bei Durchmesser 12 mm). Wichtig ist, dass die Anker zäh und biegsam sind. Dies damit bei einer schockartigen Belastung keine Risse entstehen. Die HILTIs HSA 10 x 68/5mm und (oder) besser 12 x 80mm sind darum ideal. Diejenigen mit 12 mm Durchmesser sind aufgrund des höheren Drehmomentes erst noch schwieriger zu lösen.
Wichtig: Nach dem Bohren unbedingt zuerst den Bohrstaub aus dem Loch blasen. Ist der Haken fürs erste angezogen, schlägt man mit dem Hammer nochmals kräftig auf das Plättli und zieht dann nochmals nach, so kann sich das Plättli nicht mehr lösen. Die kleinen Beulen am Plättli bekommen leichte Rostspuren, welche vom Hammer stammen, diese sind aber harmlos.
Bei Klettergartenrouten oder schlechtem Gestein (Jurafels) sind Klebehaken, beispielsweise HILTI RE 500, die beste Lösung. Dazu ist allerdings eine Klebepistole notwendig. Die Einzelpatronen HILTI-HVU sind für diesen Zweck nicht geeignet. Der Hersteller HILTI lehnt darum auch jegliche Verantwortung ab.
Klemmkeile und Friends
In einer «super» abgesicherten Plaisirroute, müssen weder Klemmkeile noch Friends zur Absicherung verwendet werden. In den weniger als «super» gesicherten Routen kann man diese Geräte ab und zu gebrauchen. Für die Plaisirkletterei finde ich den Einsatz dieser Sicherungsmittel so lange vertretbar, als sie problemlos aus einer Ruheposition angebracht werden können. Darum muss ihr Einsatz in der Routenbeschreibung (Topo) unbedingt angegeben werden.
Zu guter Letzt
Heute sind bereits sehr viele Routen so eingerichtet, wie ich es in diesen Zeilen formuliert habe. Zweifellos wurden darum, trotz massiv gestiegener Kletteraktivität, zahlreiche, schreckliche Unfälle vermieden. Viel mehr Menschen können eine faszinierende Sportart für sich entdecken und es öffnet einem breiterem Publikum die Augen und das Herz für die wunderbare Bergwelt.
In diesem Sinne "häbet Sorg" zu Euch und den schönen Klettergebieten!
Jürg von Känel/bvd
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